Photographen im Wortlaut
Gisèle Freund trifft und photographiert James
Joyce
Zum 100. Geburtstag der Photographin am 19. Dezember 2008
James Joyce war ein sehr
abergläubischer Mensch. Diesem Umstand verdankte ich es, dass ich ihn in Farbe aufnehmen konnte. 1938 hatte ich auf Bestellung
von Life bereits eine Schwarzweiß-Reportage über ihn gemacht. Joyce hat zeit seines Lebens unter seinem schlechten Sehvermögen
gelitten und die Vorstellung, sich starkem Licht aussetzen zu müssen, wie es 1939 für Innenaufnahmen einfach noch gebraucht
wurde, schien ihm unannehmbar. „Meine Augen vertragen kein starkes Licht …“ Inzwischen aber hatte die Zeitschrift Time ein
Farbphoto bei mir bestellt, für eine ihrer Titelseiten. Was tun? Joyce war tatsächlich sehr abergläubisch. Sylvia Beach wusste
das und riet mir, ihm unter dem Namen meines Ehemanns zu schreiben, der denselben Namen hatte wie eine der Romanfiguren aus dem
Ulysses. Ich befolgte diesen Rat und bekam sofort eine positive Antwort von Joyce; er war einverstanden, noch einmal für mich,
sogar für ein Farbphoto zu sitzen. Als ich mit allen meinen Lampen in der rue Edmond Valentin ankam, wo Joyce damals lebte,
machte er nicht gerade einen glücklichen Eindruck. Seine Nervosität steckte auch mich an; aber schließlich war alles bereit:
Joyce stand auf und ging zu einem Stuhl, den ich für ihn vorgesehen hatte. Als er tastend das Zimmer durchschritt – ich muss
dazu anmerken, dass Joyce sehr groß war –, stieß er mit seinem Kopf gegen eine Lampe, die von der Decke hing. Ein kurzer
Aufschrei folgte und: „Sie wollen mich töten, ich bin verletzt!“ Er ließ sich seufzend auf den bewussten Stuhl niederfallen.
Nora, seine Frau, befand sich im Nebenzimmer. „Geben Sie mir eine Schere“, bat ich sie; mir war eingefallen, wie man mich in
meiner Kindheit bei ähnlichen Vorkommnissen behandelt hatte: Ich drückte das kühle Metall gegen die Stirn des Schriftstellers
auf die kaum wahrnehmbare Stelle, die mit der Lampe in Berührung gekommen war. Joyce, jetzt ganz beruhigt, setzte sich und
begann in einem Buch zu lesen, mit seiner Spezialbrille und überdies noch einer Lupe. Danach verließ ich ihn in aller Eile,
denn ich wurde schon im Photolabor erwartet: Die Photos sollten auf schnellstem Wege nach Amerika geschickt werden. Aber mein
Taxi, das allzu schnell sein wollte, rammte ein anderes Auto. Die Fensterscheiben splitterten, der Photoapparat fiel mir aus
den Händen und ich kam tränenüberströmt nach Hause. Ich rief sofort bei Joyce an: „Mister Joyce, Sie haben meinen Tod
gewünscht! Ich bin fast tot, mein Taxi hatte einen Unfall und die Photos sind verloren. Sind Sie jetzt zufrieden? Sie haben mir
nur Unglück gebracht!“ Joyce seufzte und sagte: „Kommen Sie morgen wieder!“ Ich hatte also doch Recht. Am nächsten Tag lief
alles wie am Schnürchen. In Windeseile konnte ich alles erledigen. Als die Filme entwickelt waren, stellte ich zu meinem
größten Erstaunen fest, dass der Film der ersten Sitzung keineswegs beschädigt war. Ich hatte jetzt also zwei Farbphotoserien
über Joyce. Als Joyce das Photo auf der Titelseite von Time Magazine sah, war er sehr zufrieden. Seinen Freunden erzählte er: „Gisèle
ist hartnäckiger als ein Ire! Ich wollte nicht in Farbe aufgenommen werden, aber sie hat mich besiegt, zwei Mal sogar!“ GISÈLE
FREUND, 1985
Aus Gisèle Freund.
Photographien und Erinnerungen, München 2008, Schirmer/Mosel, € 49,80
PHOTO: GISÈLE FREUND, James Joyce mit Lupe, Paris, 1939
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