Lesefrüchte
Odo Marquard:
Über
Joseph Beuys und das Gesamtkunstwerk
Erfunden wurde das
Gesamtkunstwerk nicht von Richard Wagner, sondern in der Philosophie des deutschen Idealismus. Friedrich Wilhelm Joseph
Schelling – der, mit Nietzsche zu sprechen, die Köpfe der Jugend verdarb, als Wagner jung war – ästhetisierte die
Revolutionsphilosophie.
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling – der, mit Nietzsche zu sprechen, die Köpfe der Jugend verdarb, als
Wagner jung war – ästhetisierte die Revolutionsphilosophie. Er war nicht so bescheiden wie in unserem Jahrhundert die, die bei
einer Mailänder Triennale Polizisten zu Kunstwerken erklärten, denn Schelling erklärte – in seinem „Identitätssystem“ – die
ganze Wirklichkeit zum Kunstwerk und entwickelte am Schluss der Schlussphilosophie dieses Systems, der „Philosophie der Kunst“,
jenes Konzept des Gesamtkunstwerks, das Wagner in Oper und Drama wieder aufgriff. Wagner – der seinerseits ein gescheiterter
Revolutionär war und darum den Weg von der Dresdener Barrikade zum Grünen Hügel in Bayreuth ging – verstärkte Schellings
Ansatz, indem er betonte: zur Wirklichkeit, die Ziel der Revolution ist, kann das Gesamtkunstwerk nur werden durch den – wie er
sagte – „Kommunismus“ der Künste: durch die Verbindung aller Einzelkünste zu einem einzigen Kunstwerk, das eben dadurch – als
Gesamtkunstwerk – die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit aufhebt. Die Nachfolger Wagners in Dingen Gesamtkunstwerk – die im
Einzugsgebiet von Surrealismus, Dadaismus, Futurismus – waren in diesem Punkt anderer Meinung als Wagner: nicht die Verbindung,
sondern die Zerstörung aller Einzelkünste in einem totalen Antikunstwerk gibt diesem die Dignität der Wirklichkeit. Das kann
sehr weit gehen: bis zur Ästhetisierung des Krieges, vor der Walter Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz warnte, und zur
Ästhetisierung des Bürgerkrieges, vor der er zu warnen vergaß. Aber alle Anhänger des Gesamtkunstwerks waren für den
„Kommunismus des Genies“: erst alle Menschen zusammen sind die Künstler dieses totalen Kunstwerks. Und wo heute noch ein
Einzelner es zustande zu bringen sucht, indem er alles kann und alles durchstreicht, was er kann, muss er zumindest durch
Kleidungsrituale suggerieren, kein Einzelner zu sein: darum war etwa – als gesamtkunstwerkelnde Identität von Avantgarde und
Heilsarmee – Joseph Beuys (dieses Ein-Mann-Heer für Pazifismus und Nichtuniformierung) der disziplinierteste und exzessivste
Uniformträger der Gegenwart: der standhafte Sinn-Soldat.
Aus dem Essay
„Entpflichtete Repräsentation” in:
Odo Marquard, Skepsis
in der Moderne, Stuttgart 2007, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 18524, € 4,–
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