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 Januar 2009 No 1
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Odo Marquard:

Über Joseph Beuys und das Gesamtkunstwerk 

 

Erfunden wurde das Gesamtkunstwerk nicht von Richard Wagner, sondern in der Philosophie des deutschen Idealismus. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling – der, mit Nietzsche zu sprechen, die Köpfe der Jugend verdarb, als Wagner jung war – ästhetisierte die Revolutionsphilosophie.
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling – der, mit Nietzsche zu sprechen, die Köpfe der Jugend verdarb, als Wagner jung war – ästhetisierte die Revolutionsphilosophie. Er war nicht so bescheiden wie in unserem Jahrhundert die, die bei einer Mailänder Triennale Polizisten zu Kunstwerken erklärten, denn Schelling erklärte – in seinem „Identitätssystem“ – die ganze Wirklichkeit zum Kunstwerk und entwickelte am Schluss der Schlussphilosophie dieses Systems, der „Philosophie der Kunst“, jenes Konzept des Gesamtkunstwerks, das Wagner in Oper und Drama wieder aufgriff. Wagner – der seinerseits ein gescheiterter Revolutionär war und darum den Weg von der Dresdener Barrikade zum Grünen Hügel in Bayreuth ging – verstärkte Schellings Ansatz, indem er betonte: zur Wirklichkeit, die Ziel der Revolution ist, kann das Gesamtkunstwerk nur werden durch den – wie er sagte – „Kommunismus“ der Künste: durch die Verbindung aller Einzelkünste zu einem einzigen Kunstwerk, das eben dadurch – als Gesamtkunstwerk – die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit aufhebt. Die Nachfolger Wagners in Dingen Gesamtkunstwerk – die im Einzugsgebiet von Surrealismus, Dadaismus, Futurismus – waren in diesem Punkt anderer Meinung als Wagner: nicht die Verbindung, sondern die Zerstörung aller Einzelkünste in einem totalen Antikunstwerk gibt diesem die Dignität der Wirklichkeit. Das kann sehr weit gehen: bis zur Ästhetisierung des Krieges, vor der Walter Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz warnte, und zur Ästhetisierung des Bürgerkrieges, vor der er zu warnen vergaß. Aber alle Anhänger des Gesamtkunstwerks waren für den „Kommunismus des Genies“: erst alle Menschen zusammen sind die Künstler dieses totalen Kunstwerks. Und wo heute noch ein Einzelner es zustande zu bringen sucht, indem er alles kann und alles durchstreicht, was er kann, muss er zumindest durch Kleidungsrituale suggerieren, kein Einzelner zu sein: darum war etwa – als gesamtkunstwerkelnde Identität von Avantgarde und Heilsarmee – Joseph Beuys (dieses Ein-Mann-Heer für Pazifismus und Nichtuniformierung) der disziplinierteste und exzessivste Uniformträger der Gegenwart: der standhafte Sinn-Soldat.

 

Aus dem Essay „Entpflichtete Repräsentation” in:

Odo Marquard, Skepsis in der Moderne, Stuttgart 2007, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 18524, € 4,–

 

 

 

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