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 Januar 2009 No 1
 Photographen
 Leute
 
 

 

Wahlkampf und Müdigkeiten


Annie Leibovitz photographiert Barack Obama

Als ich während der Vorwahlen 2008 Barack Obama begleitete, war ich fasziniert von der Arbeitsweise des AP-Photographen: Sein Rucksack war sein Büro. Sobald wir irgendwo ankamen, baute jemand vom Tross ein Wireless-System auf. Der AP-Mann photographierte die Rede oder das, worüber wir gerade berichteten, und noch bevor sie zu Ende war, saß er schon mit seinem Laptop am Pressetisch und sichtete seine Bilder. Ein paar davon schickte er ans Büro, und zehn oder fünfzehn Minuten später standen sie im Netz. Geschwindigkeit war alles. Die Bilder, die als erste verschickt wurden, waren diejenigen, die gedruckt wurden. Ich machte Bilder für eine monatlich erscheinende Zeitschrift, deshalb hatte ich den Vorteil, meine Bilder im Studio ansehen und noch einmal losziehen zu können, wenn ich nicht bekommen hatte, was mir vorschwebte. Ich stellte fest, dass ich oft auf Distanz ging und Ganzkörperaufnahmen von Obama machte. Er ist ausgesprochen anmutig, sehr elegant, sein Gang hat etwas Stolzes. Für ein Cover brauchte ich ein Portrait von ihm, und ich wollte, dass er in Bewegung war, vielleicht zum Flugzeug lief. Das funktionierte nicht, also überlegte ich mir stattdessen ein Portrait im Flugzeug, während er an einer Rede arbeitet. Ich bestand darauf, das Bild aufzunehmen, während das Flugzeug in der Luft war. Ich wollte das Gegenlicht, das durchs Fenster kam. Dieses starke Gegenlicht bekommt man nur, wenn man über den Wolken ist, und mir war wichtig, dass das Bild natürlich wirkte. Über den Wolken ist es mehrere Blenden heller als unten am Boden. Das erste Mal wollte ich das Coverphoto auf einem kurzen Flug zwischen zwei Städten aufnehmen, und gerade, als ich alles vorbereitet hatte und nach vorne gehen wollte, wo Obama saß, sagte man mir, er sei eingeschlafen und sie wollten ihn nicht wecken. Ich musste nach Hause fahren und an etwas anderem arbeiten, und zwei Wochen später schloss ich mich der Kampagne wieder an, stieg ins Flugzeug, und wieder schlief er ein. Er arbeitete seit Monaten vierzehn Stunden am Tag. Es war die längste Wahlkampagne in der amerikanischen Geschichte. Aber trotzdem, bevor ich zum dritten Mal mitflog, fragte ich, ob sie mich wirklich noch einmal sehen wollten. Dieses Mal stellten sie sicher, dass ich das Bild bekam. ANNIE LEIBOVITZ

Aus: Annie Leibovitz at Work, München 2008, Schirmer/Mosel Verlag, € 46,–
Photo: ANNIE LEIBOVITZ, Barack Obama, Raleigh County Convention Center, Beckley, West Virginia, 2008

 

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