Wahlkampf und Müdigkeiten
Annie Leibovitz photographiert Barack Obama
Als ich während der Vorwahlen 2008 Barack Obama begleitete, war ich fasziniert von
der Arbeitsweise des AP-Photographen: Sein Rucksack war sein Büro. Sobald wir irgendwo ankamen, baute jemand vom Tross ein
Wireless-System auf. Der AP-Mann photographierte die Rede oder das, worüber wir gerade berichteten, und noch bevor sie zu Ende
war, saß er schon mit seinem Laptop am Pressetisch und sichtete seine Bilder. Ein paar davon schickte er ans Büro, und zehn
oder fünfzehn Minuten später standen sie im Netz. Geschwindigkeit war alles. Die Bilder, die als erste verschickt wurden, waren
diejenigen, die gedruckt wurden.
Ich machte Bilder
für eine monatlich erscheinende Zeitschrift, deshalb hatte ich den Vorteil, meine Bilder im Studio ansehen und noch einmal
losziehen zu können, wenn ich nicht bekommen hatte, was mir vorschwebte. Ich stellte fest, dass ich oft auf Distanz ging und
Ganzkörperaufnahmen von Obama machte. Er ist ausgesprochen anmutig, sehr elegant, sein Gang hat etwas Stolzes. Für ein Cover
brauchte ich ein Portrait von ihm, und ich wollte, dass er in Bewegung war, vielleicht zum Flugzeug lief. Das funktionierte
nicht, also überlegte ich mir stattdessen ein Portrait im Flugzeug, während er an einer Rede arbeitet. Ich bestand darauf, das
Bild aufzunehmen, während das Flugzeug in der Luft war. Ich wollte das Gegenlicht, das durchs Fenster kam. Dieses starke
Gegenlicht bekommt man nur, wenn man über den Wolken ist, und mir war wichtig, dass das Bild natürlich wirkte. Über den Wolken
ist es mehrere Blenden heller als unten am Boden. Das erste Mal wollte ich das Coverphoto auf einem kurzen Flug zwischen zwei
Städten aufnehmen, und gerade, als ich alles vorbereitet hatte und nach vorne gehen wollte, wo Obama saß, sagte man mir, er sei
eingeschlafen und sie wollten ihn nicht wecken. Ich musste nach Hause fahren und an etwas anderem arbeiten, und zwei Wochen
später schloss ich mich der Kampagne wieder an, stieg ins Flugzeug, und wieder schlief er ein. Er arbeitete seit Monaten
vierzehn Stunden am Tag. Es war die längste Wahlkampagne in der amerikanischen Geschichte. Aber trotzdem, bevor ich zum dritten
Mal mitflog, fragte ich, ob sie mich wirklich noch einmal sehen wollten. Dieses Mal stellten sie sicher, dass ich das Bild
bekam. ANNIE LEIBOVITZ
Aus: Annie Leibovitz at Work, München 2008, Schirmer/Mosel Verlag, € 46,–
Photo: ANNIE LEIBOVITZ, Barack Obama, Raleigh County Convention Center, Beckley, West Virginia, 2008
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