Film / Medien
Wer die Schönheit angeschaut ...
Ein spektakulär-subtiler Band zu Luchino Visconti und seinem großen Werk
Vergänglichkeit
markiert dieses Werk, eine unsagbare Ahnung von Verlust und Versagen. Keiner hat so intensiv wie Visconti die großen Brüche der
Geschichte beschworen, jene historischen Momente, da das Alte im Absterben, das Neue im heftigen Aufschwung begriffen ist. Das
Risorgimento und der Kampf um die nationale Einheit Italiens in Senso und Gattopardo, die Entstehung des
Faschismus im kapitalistischen Europa in Caduta degli dei, die moderne Gesellschaft nach dem Krieg, wie sie sich
abzeichnet in Ossessione. Den gebührenden Respekt hat das Werk von Luchino Visconti inzwischen erfahren, zu Leidenschaft
ist es freilich nie gekommen, und er selbst hat zeitlebens jene Distanz gefordert, mit der man ihm begegnete. Schwerer als
sonst im Weltkino scheint es, diesem Werk Präsenz zu schaffen, nach Viscontis Tod zumal, der auch das Ende jenes prächtigen
Kinos bedeutete, für das er immer kämpfte. Die vielen Theater- und Operninszenierungen sind sowieso kaum dokumentiert, leben
nur noch in den Erinnerungen derer, die sie erleben durften. (Von seiner frühen Arbeit ganz zu schweigen, als der Mailänder
Graf erfolgreich Rennpferde züchtete.) Unsichtbar auch, dennoch enorm wichtig fürs Werk die großen Projekte, an denen er quasi
sein Leben lang arbeitete, Verfilmungen von Prousts Recherche und Thomas Manns Zauberberg, die er nie realisieren konnte.
Visconti schuf ein Kino, das sich dem direkten Zugriff entzieht, das Geschichte in ihren Schatten und ihren Schemen aufspürt,
in kaum merklichen Reflexen in den Spiegeln und den Gesichtern der Menschen. Das die Dinge im Moment ihres Entschwindens
festhielt – dem berühmten Motto aus dem Gattopardo getreu: Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann muss sich
alles ändern. Abschiedsstimmung, Wehmut, Desillusionierung, Todessehnsucht durchzieht diese Filme. Ach ja, hieß es in einem
Interview Mitte der Siebziger: Sie sind ja Pessimist. Und Visconti konterte, lebhaft und ironisch: „Objektiv, bloß objektiv. Im
übrigen braucht man sich ja nur umzuschauen. Wie weit hat es der Mensch gebracht mit seiner Raserei, seinen falschen Idealen?
Zu einer Welt, die auf ihren Untergang zurast. Die Entfremdung, die Bosheit, die Geistlosigkeit … Die Unfähigkeit, sich zu
beherrschen … In Italien ist es schlimmer als anderswo, ein Land, in dem es nicht einmal gelingt, eine stabile Regierung
einzusetzen … Es ist wirklich unglaublich, wissen Sie, wirklich grotesk.” Den vitalen Visconti kann man in diesem Band
entdecken und das Image des großen Ästheten gehörig zurechtrücken, der in der Sackgasse der Dekadenz endet – man sollte sich
hüten, in seinen Figuren, den späten zumal, den Autor zu erkennen. Visconti ist nicht Aschenbach oder Ludwig, nicht einmal der
alte Professor – Burt Lancaster erneut in Gruppo di famiglia. Visconti ist eine schillernde Figur, der aristokratische
Sozialist und Widerstandskämpfer, der jugendliche Filmemacher, der die Wirren von Krieg und Nachkrieg wie ein kreatives
Laboratorium nutzte, um die neuen modernen Formen des Kinos zu schaffen, den Neorealismus, und das Theater zu revolutionieren.
Dabei ist jener Mythos entstanden vom Authentizitätsfanatiker Visconti, ein Mythos, den er selbst ironisch zurechtrückte: „Am
Anfang ging es bei unserer Arbeit weniger ums Erfinden als um einen Akt der Säuberung. Man musste Ordnung auf der Bühne
schaffen, den Schauspielern eine neue Art der Disziplin auferlegen und die Aufführung musste von Genauigkeit und Wahrheit
geprägt sein. Aus der gleichen Notwendigkeit heraus erlebte das Kino in genau denselben Jahren eine Zeit außergewöhnlicher
Vitalität. Und es war ziemlich logisch, dass auch das Theater diesen Zeitgeist spürte und das Bedürfnis nach größerer
Authentizität entwickelte. Man musste Schluss machen mit der Schlamperei, verlangen, dass nicht nur die Hauptdarsteller gut
spielten, musste die wackelnden Kulissen von der Bühne verbannen und dem gesamten Theater das alte Laster der Improvisation
austreiben. Um all das auf einer Bühne zu erreichen, wo es von schlechten Angewohnheiten nur so wimmelte, musste man sich mit
einer gewissen Unnachgiebigkeit durchsetzen und auch Dinge verlangen, die unnütz oder übertrieben erschienen. Von Anfang an war
ich überzeugt, dass selbst die begabtesten Schauspieler, wenn sie auf diese neue Art Theater spielen wollten, von einer
authentischen Atmosphäre umgeben sein mussten ... So entstand die Legende, ich sei ein nie zufriedenzustellender Regisseur, der
Schrecken aller Agenten und Theaterbesitzer. Über meine Akribie in Sachen Ausstattung existieren jede Menge amüsanter, aber
unwahrer Anekdoten. Visconti, der Verrückte, so hieß es, will echten Schmuck von Cartier, Wasserhähne, aus denen echtes Wasser
fließt, die Flakons auf dem Toilettentisch müssen mit echtem französischen Parfüm gefüllt sein, die Betten mit flämischem
Leinen bezogen. Was hat man nicht alles für Geschichten dieser Art erzählt und geschrieben ... In Wahrheit sind mir
Verschwendung und Hedonismus stets von Leuten vorgeworfen worden, die glauben, es sei immer noch ein Luxus, im Speisewagen zu
essen.“ Hedonismus war nie Attitüde bei Visconti, sondern Teil der Welt, die er zeigte, und in der Moderne hat der Kapitalismus
das Wesen des Hedonismus völlig neu bestimmt. 1960 hat Visconti diese Entwicklung hellwach und zeitkritisch festgehalten, Il
Lavoro/Der Job heißt der Film, den er dreht, eine knappe Stunde lang, für das Episodenwerk Boccaccio ’70, mit Romy
Schneider und Tomas Milian. Die erste Filmarbeit mit der geliebten Romina, sie ist, als wohlsituierte Gattin der Mailänder
Upperclass, des Müßiggangs plötzlich überdrüssig, hat das Verlangen, sich in die arbeitende Klasse einzugliedern – also will
sie künftig nur mit ihrem Mann schlafen, wenn der sie dafür bezahlt. Visconti zieht sich für diese kleine komische
Verhaltensstudie ganz in die luxuriösen Interieurs des Paares zurück: „Diese Räume, diese Sofas aus taubengrauem Samt, diese
Bibliothek, echte französische Eiche aus dem 18. Jahrhundert, die abstrakten Bilder von Domietta Hercolani, kurz alles, was Sie
sehen und was die Kamera von Giuseppe Rotunno aufnehmen wird, stellt die Welt dar, in der sich die Personen der Geschichte
bewegen, eine kostbare, kalte Welt, ohne jede Seele, hinter der Tomas und Romy her sind, die sie aber nie zu fassen bekommen.”
Die Seele, das ist ein Wort, das einem nicht unbedingt über die Lippen kommt, wenn es um Visconti geht, der so gern die großen
Diven feiert, von Maria Callas bis Helmut Berger, der seine Stimmungen speiste aus Thomas Mann und Mahler. Aber eben dies ist
das Vorhaben dieses neuen Buches – die Seele zu finden im Leben und im Jahrhundertwerk des Kino-Grafen Luchino Visconti –
tastend, diskret, absichtsvoll im Fragmentarischen verbleibend.
Eine Seele, die sich bemerkbar
machte in seiner gesamten Arbeit, all den diversen Filmen, Stücken, Opern, die er seit den Vierzigern produzierte. Und in den
Kämpfen, denen er nie auswich in dieser Arbeit, den politischen in den Vierzigern, als er, der Sozialist, der ehemalige
Widerstandskämpfer, mit seinen ersten Filmen Ossessione und La terra trema die Menschen der Po-Ebene und der sizilianischen
Fischerdörfer auf die Leinwand brachte und die eskapismusbedachten Machthaber damit provozierte – Ossessione wurde während der
Produktion kritisch beäugt und ist immer wieder vor dem Abbruch gestanden, wenige Tage nach dem Start verboten, von den
gereizten Provinzfaschisten. Später dann die Kämpfe auf der Ebene der Ästhetik, der Produktionsmittel – gegen die Produzenten,
die den Ausstattungsexzessen wehren, den Verleihchefs, die in hinterlistigen Verstümmelungsaktionen die epischen Filme auf
Kinonormalmaß herunterschneiden wollten. „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben …” Das Leben
war immer Melodram für Visconti, Leidenschaft und große Geste, schon den Neorealismus inszenierte er als große Oper. Bei der
Arbeit am Set von Lavoro ist er im schwarzen Leibchen zu sehen, so wie die Prollhelden seiner früheren Filme es trugen, von
Massimo Girotti bis Alain Delon – der hatte im vorigen Film Rocco und seine Brüder gespielt und sollte im nächsten wieder mit
von der Partie sein, Il Gattopardo. Er war zudem mit Romy liiert, die in Lavoro das Luxusweibchen gibt. Die drei gehörten für
ein paar Jahre zusammen, als konspirative Mesalliance, und man spürt, wie heftig die Flamme der Widersetzlichkeit, der
Rebellion in ihnen lodert. FRITZ GÖTTLER
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Luchino Visconti, Schriften, Filme, Stars und Stills, München 2008, Schirmer/Mosel Verlag, € 78,–
PHOTO: PAUL RONALD, Luchino Visconti und Romy Schneider bei den Dreharbeiten zu
„Il Lavoro/Der Job” PHOTO: MARIO TURSI, 1973, Helmut Berger als Ludwig II. auf dem Starnberger
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